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Von Leben und Lebendigkeit

Manchmal, wenn ich am Morgen über die Düne gehe, laufe ich in eine verlassene Welt. Der  Sandstreifen schlängelt sich bis an die Füsse der Seebrücke von Heringsdorf, nur unterbrochen vom Kanal, der gleich dort hinten in die Ostsee mündet, und zwei eisernen Wachtürmen, die in der Ferne den Blick hinaus auf die See richten. Die Sonne hat es noch nicht über den Horizont geschafft und wenn sie es geschafft hat, werden mir heute ihre Strahlen verborgen bleiben.  Er ist grau, dieser Morgen. So grau wie das Meer, das nur in Ufernähe weiße Kämme auf die Wellen zaubert.
Ich setze meine Schritte in den feuchten Sand und laufe dem Morgen entgegen. Keine Menschenseele weit und breit. Hinter den Fenstern der alten Bädervillen, die sich in Bansin so stattlich über die Düne erheben, nur Dunkelheit. Es ist Januar. Kein Monat ist ferner von Besucherströmen und Strandleben.
Am Kanal sind die Schleusen geöffnet. Das Wasser aus dem Gothensee fließt in die Ostsee und durchschneidet meinen Weg. Eine kleine Brücke ermöglicht den Übergang, und schon bin ich zurück auf dem schmalen Streifen zwischen Meer und Strand, der das Gehen weniger beschwerlich macht.
Irgendwo am Horizont taucht ein weißes Schiff auf. Genau dort, wo sonst die Ausfahrt des Swinemünder Hafens zu sehen ist. Heute ist kein Land in Sicht, nur ein weißes Schiff durchbricht das endlose Grau.
Die ersten Tropfen legen sich auf meine Haut und begleiten mich, bis ich den stählernen Pfeiler der Seebrücke berühre. Noch immer bin ich allein am Strand und es ist als reiche die Welt hinter der Düne nicht bis hierher. Es ist als trenne der Strand Leben und Lebendigkeit. Das Leben, das wir hinter der Düne führen und die Lebendigkeit der Natur, die sich heute morgen in großer Einsamkeit verliert.
Und langsam ich mache mich auf den Weg zurück, am Ufer entlang, und spüre einmal mehr, wie sehr sich beide Welten in mir einen.

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1 Kommentar

  • Antworten
    Andrea Radermacher
    22. März 2016 um 17:34

    Das so wunderbar Beschriebene lesend entstehen bekannte Bilder in meinem Kopf …
    Danke, liebe Claudia

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