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Kein Shirt, kein Service!

Samstag. Kurz nach 13 Uhr. Die Bierzeltgarnitur steht in der prallen Sonne. 3 Leute legen ihre Unterarme darauf ab und mit ihnen wahrscheinlich ihr halbes Körpergewicht. 2 weitere essen Erbsensuppe aus der Gulaschkanone gleich nebenan. Kinderlachen. Und auch Weinen. Das Geräusch von Quads und unzähligen Stimmen. Es ist Kinder- und Seniorenfest auf dem alten Sportplatz an der Promenade in Heringsdorf. Die große Fläche direkt neben der Seebrücke liegt seit Jahren brach und wird gern als Eventlocation genutzt. So auch heute.

Wir sitzen also zu fünft an einem wackligen Tisch, trinken Wasser, essen Erbsensuppe und reden über dies und das. Und dann passiert es wieder. Ein sonnengeröteter Mittsechziger unbekannter Herkunft zieht sich direkt neben uns das Shirt über den Kopf und präsentiert seinen nackten Oberkörper inklusive laufendem Schweiß. Ein Schwall fremden Körpergeruchs weht über den Tisch. Mein Blick fällt auf den Mann mit der Erbsensuppe. Er legt den Löffel beiseite und sieht mich an. Kopfschütteln. Über manche Ding muss man nicht reden. Es ist einfach nicht schön. Während wir uns in Gleichmut üben, läuft der Mittsechziger oben ohne über das Fest. Vorbei an spielenden Kindern und auch an solchen, die essen. Die Frau neben ihm trägt das Shirt und begleitet ihn bis zum Bratwurststand. Mir stellen sich die Nackenhaare auf.

Wenn es etwas gibt, das ich bis heute nicht verstehe und das sich über die Jahre auch nicht geändert hat, dann ist es die Rücksichtslosigkeit mancher Menschen im Urlaub. Da laufen sie die viel frequentierte Promenade entlang und zeigen ganz ungeniert, was in heimischen Gefilden noch nie das Sonnenlicht gesehen hat. Ungeachtet der Leute, die da vielleicht gerade essen, der Musik zuhören oder was auch immer. Und glaubt jetzt bitte nicht, dass sie sich an der Eisdiele oder an irgendeinem anderen Stand etwas über die nackte Haut werfen. Nein, warum auch? Hier kennt sie ja niemand. Die Steigerungsform der körperlichen Ignoranz ist ein solches Schauspiel im Supermarkt. Was für ein Erlebnis, wenn ein Exemplar „Respektlosigkeit“ den Platz hinter einem in der Schlange einnimmt, der zwischenmenschliche Abstand so weit sinkt, dass man fremde Körperwärme spürt, und man den Satz „Wir lieben unsere Gäste“ wie ein Mantra durch die eigenen Gehirnwindungen schnellen lässt. Nicht mal das „Ganz tief in den Bauch atmen“ funktioniert in solchen Momenten, denn Körper riechen. Übrigens auch gut aussehende Körper, für die genau das gleiche gilt: „Zieh Euch was über! Oder geht an den Strand!“

Gestern war ich mit dem Schurken an der Promenade in Bansin unterwegs und habe einen Abstecher zum Haus des Gastes gemacht. Hundetüten besorgen. Und während ich einen viel zu großen Schwung davon mit aller Macht aus dem Spender ziehen will, fällt mein Blick auf ein Schild an der Tür: „kein Shirt, kein Service“. Ich möchte vor Dankbarkeit auf die Knie fallen. Liebes Team der Touristinfo in Bansin, ich feiere Euch seit gestern mächtig und hoffe sehr, bei den Kollegen in den Heringsdorf und Ahlbeck prangt das gleiche Schild an der Eingangstüre. Ich bin mir bewusst, dass das die Zahl der Oberkörpernudisten in den öffentlichen Bereichen unserer Seebäder nicht schmälern wird, aber es ist ein genialer Anfang. Mein aus tiefsten Herzen kommendes DANKE dafür!

Foto @fotolia.com / Urheber: Oleh Phoenix

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