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Im Damenbade

Tage wie dieser sind schlicht unerträglich. Gluthitze schwächt mich. Nicht auszudenken, wir wären in Berlin geblieben und hätten diese Tagen inmitten von Häuserschluchten und den Ausdünstungen anderer Menschen ertragen müssen. Was für ein glücklicher Umstand, dass der Franz dieses schöne Anwesen hier entdeckt und wundervoll hat für mich herrichten lassen. Der Gute!

Ach, der Arme, jetzt in der heißen Stadt, den Kopf voll mit allerlei Geschäftlichem und am Abend ist nur das Dienstmädchen daheim. Aber es war seine Wille. Und wenn der Zug am Freitag wieder in den kleinen Bahnhof hier rollt, werden wir ihn wie in jeder Woche mit einem Lächeln empfangen.

Es geht heute etwas Wind von der Ostsee her. Ich habe die Fenster geöffnet, die Gardinen heben und senken sich mit der Luft. Die Sonne scheint am Morgen in die Räumlichkeiten zur Seeseite und macht die Einnahme des Frühstücks auf dem großen Balkone zur Wonne. Meine zarte Haut schützt der Schirm, den der Franz mir für die Sommerfrische in diesem Jahre schenkte. Der Wunderbare! Ach, wäre er doch nur schon da.
Auf der Promenade flanieren die Herrschaften der umliegenden Villen. Vom Strande her wehen Stimmen bis zu mir hinauf. Mir scheint, die Gräfin zu Hollstedt ist auf dem Weg ins Damenbad.

Dieses Damenbad! Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Haben denn die guten, alten Badekarren nun endgültig ausgedient? Wie wunderbar war es doch, geschützt vor unerwünschten Blicken ein kühles Bad nehmen zu können. Vorbei! Ich bin untröstlich. Ununterbrochen schwärmt diese Person vom Damenbade. Es sei so heiter und erfrischend. Es ließe sich vortrefflich mit anderen Damen dort austauschen. Und sicher wäre es. Ja, in aller erster Linie sicher. Also ich weiß nicht.

Dieses Gebäude ist wirklich bemerkenswert. Ich muss nicht einmal einen Fuß in den Sand setzen. Der Steg führt mich geradewegs ins Damenbad, wo ich von einer Badewärterin empfangen werde. Eine freundliche Frau mit treuen Augen, doch frage mich, ob mein Lebenslicht bei ihr in guten Händen ist. Mich beruhigt, dass Johanna mich begleitet. Ich hörte sie mit anderen Bediensteten in der Küche über das Damenbad sprechen.
Es sind unendlich viele Kabinen hier und dort hinten eine Treppe, die ins Wasser führt. Ach, ich kann es kaum erwarten, ins kühle Nass hinabzusteigen. Doch ruhig, mein glühendes Herz, erst wird sich umgekleidet. Die Kabine, nun ja, geräumig ist sie nicht. Zudem ist es mir möglich, das Wasser durch die Zwischenräume der Planken zu erkennen und der Wind heult ganz fürchterlich in den Balken. Wüsste ich nicht um die ruhige See draußen, würde ich einen Orkan vermuten.

Ich habe den marineblauen Badeanzug gewählt, er hat so schöne Rüschen und die Spitzen umspielen meine Figur. Das Beinkleid reicht bis an die Knie. Strümpfe und Schuhe schützen meine Fesseln. Ich hörte von günstigen und weniger günstigen Einflüssen eines Bades in der Ostsee auf die Natur der Frau. Besser keinen Leichtsinn in diesen Tagen. Die Kappe für meinen Kopf schützt eine zweite darüber. Man weiß ja nie.

Umgebend von drei Badewärterin und der streng dreinschauenden Bademeisterin bindet man mich an einer langen Leine fest. Der Sicherheit wegen, versteht sich. Nun steige ich langsam hinab und spüre bald, wie das kühle Wasser meine Füsse umspielt. Was für eine Wohltat! Ich schreite durch die Wellen, bis sie mir zu den Waden reichen. Weiter nicht. Das muss reichen. Die Gräfin zu Hollstedt ist nur wenige Schritte entfernt und schaut mir beim Bade zu. Das feierliche Lächeln dieser Person ist ärgerlich. Doch bevor ich mich in der Missgunst ihres Triumphes verlieren kann, verwickelt sie mich auch schon in ein Gespräch über die neuesten Begebenheit in unserer Nachbarschaft hier. Der Baron von Landsheim nämlich hat seine Mätresse zu Besuch und macht nächtliche Spaziergänge mit ihr am Strand. Die Frau des Bankiers Grünebaum ist wieder schwanger, nur weilt der Gatte seit Monaten in den Bergen. Ach und die Witwe Bertmann, ja die bekommt täglich Besuch von einem Fischer aus dem Dorf. Der Name ist mir entfallen, doch ich bin aufs Vortrefflichste unterhalten. Wir lachen und scherzen. In Windeseile habe ich die Gluthitze vergessen und ein weiteres Treffen mit der Gräfin vereinbart. Ach, die Gräfin zu Hollstedt, sie ist wirklich ein Goldstück.

Und dieses Damenbad! Ich verstehe die Herrschaften einfach nicht, die sehnsüchtig den wackligen Badekarren nachweinen. Das hier ist doch wirklich von Welt und beschert unsereins nicht nur Abkühlung sondern auch feinste Unterhaltung in bester Gesellschaft.

Ach, was der Franz wohl dazu sagen wird?!

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Diese Geschichte und die Namen sind erdacht, die Umstände aber entsprechen denen der Kaiserzeit in den Seebädern auf Usedom.
Foto: Archiv Hans Juergen Merkle

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Geschrieben für die Kaiserbäder im Juni 2018.

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1 Kommentar

  • Antworten
    Kerstin Goretzky-Grehl
    5. Juni 2018 um 20:09

    Schön geschrieben man kann mit dem Kopfkino alles miterleben. Danke 😘

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